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2 Auszüge aus dem Romanprojekt Stein

Ines Birkhan

Magazintext | erschienen in Wienzeile 66

Melilla - im Eurosur-Gebäude

„Rodrìguez!“ Der Gerufene macht sofort kehrt. „Si, Señor Sola.“ „Zwei Minuten Ihrer Zeit, bitte.“ Mit eisernem Handschlag dirigiert Carlos Sola Jesus Rodrìguez zu einem Stuhl, der sich in unausgewogen weitem Abstand vom Schreibtisch befindet. Jesus zögert, ob er näher rücken soll, während Sola sich auf seinem ledernen Drehsessel platziert und die Hände über der blank polierten Tischfläche faltet. Jesus weicht jetzt dem Blick seines Chefs aus, der mit erhobenem Zeigefinger noch schnell ein Telefonat entgegennimmt.
Das Aussehen seines Vorgesetzten erscheint Jesus bewundernswert - dunkelblond, groß und sehr sportlich. Obwohl Jesus selbst athletisch gebaut ist und es ihm nicht an Muskelmasse fehlt, so liegt er doch unter der Durchschnittsgröße spanischer Männer. In Momenten wie diesen stört ihn das. Im Erker des geräumigen Arbeitszimmers befindet sich eine schmale Drückerbank mit Hantelstangen und einer Reihe von zehn bis fünfundzwanzig Kilo Hantelscheiben.
Mit federnden Beinen bewegt sich Sola nun durch den Raum, um die Bilder hinter dem Schreibtisch waagrecht auszurichten. „Sí, sí... por supuesto...“, schnurrt er ins Telefon. Die gerahmten Schwarz-Weiß-Fotografien bezeugen, wie im übrigen die gesamte Einrichtung, dass Sola entweder selbst Sinn für Ästhetik hat, oder aber einen ausgezeichneten Innenausstatter beschäftigt. Thema der Fotografien in Postergröße sind prominente Grenzzäune der Erde. Neben der Chinesischen Mauer bildet eine Ansicht des Grenzwalls zwischen den USA und Mexico einen besonderen Blickfang. Dem Auf und Ab der Sanddünen folgend zieht er sich über den stetig in Transformation begriffenen Wüstenboden Arizonas. Dieses Meisterwerk des Ingenieurwesens besteht aus in sich verschiebbaren Elementen, die sich den Wanderungen der Dünen anpassen.
„Unsere Statistiken sind eine Katastrophe!“ Jesus wird aus seiner Vertiefung gerissen. Sola lässt sich theatralisch in den Ledersessel plumpsen und blickt Jesus eindringlich an: „Eine Lawine ist im Anrollen“. „Señor Sola, ich denke, es hat sich herumgesprochen, dass der Irrgarten nicht wirklich ein Hindernis darstellt, sondern im Gegenteil...“ „Jaja, ich weiß“, winkt Sola ab. „Wir brauchen die Drohnen wie der Picador seine Lanze, aber die Gelder sind noch immer nicht bereitgestellt! Erst hieß es ja, dann nein, dann wieder ja, dann wieder nein. Heiß-kalt, heiß-kalt. Wie die Weiber. Ich sag Ihnen Rodríguez, ich werd noch verrückt mit dieser Bagage!“ Jesus nickt mit mitleidiger Miene, was Sola tatsächlich zu beschwichtigen scheint. Der Vorgesetzte findet zu seiner beherrschten Art zurück. „Konkret wollte ich Sie fragen, wie wir Ihrer Meinung nach die Lage vor Ort verbessern könnten?“ „Naja, der Klingendraht war schon eine gute Sache...“ „Geht nicht. Da machen uns die Menschenrechtsorganisationen gleich ein Tamtam!“ „Dann bleibt eigentlich nur die Zaunerhöhung. Acht Meter wären vom Standpunkt der Statik vertretbar. Ob uns das weiterbringt, kann ich schwer voraussagen. Sie wissen ja, wie gut die Leute klettern können...“ „Die versauen mir einfach alles. Verdammte...“, den Rest verschluckt Sola. Mit geballten Fäusten sitzt er da, Schweißperlen auf der Stirn. Derart aus dem Häuschen hat Jesus seinen Vorgesetzten noch nie gesehen. Er muss wirklich mächtig unter Druck stehen. „Gut, Rodríguez, Sie können abtreten. Falls Ihnen doch noch eine Idee kommt, Sie wissen: Bonus!“ „Alles klar, jefe. Werde mir den Kopf zerbrechen.“

Kalkara - John Okoye

Er beobachtet seine Beine, wie sie im Lauf nach vorne schnellen und der Boden unter ihnen hinweggleitet. Die Schuhsohlen erzeugen ein dumpfes Stakkato, wenn sie den Asphalt wegstoßen und den Körper durch den Raum gleiten lassen. Schmale Häuser ziehen an ihm vorbei, hohe Blumentöpfe und wohlgenährte Pflanzen, hier und da eine Gestalt vor der Haustür, mit abschätzigem Kommentar auf den Lippen.
Bei vollem Tempo wendet John den Kopf, um einen Blick hinter sich zu schleudern. Ein paar Meter hat er bereits an Vorsprung gewonnen, offensichtlich ermüden die Polizisten. Sie sind wohl zu schnell losgerannt. Dass eine längere Verfolgungsjagd nicht sofort mit einem Sprint beginnen darf, sollte denen doch klar sein! John neigt den Oberkörper jetzt fast in die Horizontale und steigert hart ausatmend sein Tempo. Er fasst ein bestimmtes Häusereck ins Auge und schwingt dort abrupt nach rechts, beinah rammt er eine Hauswand, stößt sich aber rechtzeitig mit der Hand ab. Keine Sackgasse, aber Betonbarrieren für Autos. Die Hürde nimmt er mit ausgestrecktem Vorderbein, als ihm plötzlich das Meer hinter einem steinernen Torbogen am Ende des abfallenden Gässchens entgegenschimmert.
John Okoye ist ein recht guter Schwimmer, jedoch überkommen ihn seit der Überfahrt Panikgefühle beim Anblick von Meerwasser. Fünf Mal vier Stufen, bis er eine schmale Straße und die Kaimauer erreicht, dann springt er Kopf voran. So lang wie möglich bewegt er sich unter Wasser, um danach weiterzukraulen. Seine Verfolger sind an Land geblieben und sprechen in Mobiltelefone. Bald wird ihn ein Boot einholen.

Hinter die Biegung der Landzunge, den sogenannten Finger von Kalkara, außerhalb des Sichtfelds von Vittoriosa her, schafft er es nicht. Das Wasser ist kalt, und John merkt, wie seine Kraft schwindet. Sobald er die Bucht durchschwommen hat, gelangt er trotz der Brandung auf das Kalksteinplateau. Tiefe Rillen, die ehemals dazu dienten, Boote an Land zu ziehen, verteilen sich über die flachen und rund gewaschenen Steinformationen. Hier und dort schwere Anlegepflöcke aus Metall, etliche Bunker und Abwehranlagen aus dem zweiten Weltkrieg. Gegen den böigen Wind ankämpfend geht er bis zur steil in die Höhe ragenden Steinwand. Sie ist von Kanoneneinschusslöchern überzogen. Über ihm thront das Fort Ricasoli.
Auf der Suche nach einem geeigneten Versteck schreitet er die Wand entlang. Es gibt mehrere igluartige Steinbunker auf den vorgelagerten Steinplatten, doch als Unterschlupf taugen sie nicht. Hier würde man ihn sofort aufspüren. Überhaupt ist das ganze Gebiet vor der Felswand zu überschaubar. Sich in die Wohngebiete Kalkaras zu wagen wäre in seinem aufgelösten Zustand mehr als leichtsinnig. Noch naht, soweit er sehen kann, kein Boot. Trotzdem, es gilt, sich so bald wie möglich unsichtbar zu machen.
Da entdeckt er in einiger Entfernung eine flache Überdachung auf Betonsäulen, dahinter ist vage eine Baustelle mit Bagger zu erkennen. Die Überdachung ist anscheinend Teil einer früheren Anlegestelle, die an der dem Wasser gegenüber liegenden Seite in einer aus massiven Steinquadern geformten Wand den Eingang zu einem Schacht birgt. Als John hineinlugt, sieht er, dass dieser kniehoch mit Abfall gefüllt ist und an die dreißig Meter senkrecht nach oben strebt. Metallschienen säumen die Wände, rostige Metallketten hängen herunter. Diese seltsame Konstruktion muss als Aufzugschacht gedient haben.
Ist der Gedanke, hier irgendwie in die Höhe zu klettern und sich in die Mauer des Schachts einzufügen, allzu abwegig? Wie ein Chamäleon könnte er die Farbe und Struktur der Mauer nachahmen und so seine Verfolger täuschen! Vielleicht gibt es weiter oben eine Nische, in die er sich verziehen könnte. Beim Versuch, den Schacht entlang hinaufzusteigen, bricht jegliche Art von Metallhalterung unter seinen Griffen weg, so porös ist die Oberfläche der Schachtwand. Als er mit einem Arm die Stabilität der klobigen Kette testet, reißt sie beim ersten kräftigen Zug und endet mit dumpfem Klirren auf dem Mist. Enttäuscht tastet John sich zurück nach draußen.
Nichts, aber auch gar nichts, weist auf Verfolger hin, also setzt er sich, lehnt den Rücken an die Felswand und beobachtet stumpf, wie das Wasser an den Stein klatscht. Natürlich, der Pulizija war es zu umständlich gewesen, eigens ein Boot hinterherzuschicken. "Soviel Aufwand", denkt John säuerlich, "bin ich auch wieder nicht wert“.
Etwas an dem hellen Kalkstein auf Malta mutet ihn unwirklich an. Ob es daran liegt, dass er so weich ist, seine Konsistenz überaus durchlässig? Jede kleinste Berührung, so scheint es, gräbt sich in die Oberfläche, und die Witterung frisst ausgedehnte Mulden hinein. In weiten Bereichen ähnelt das Gestein sandfarbenem Füllschaum, den man beim Bau in Fugen spritzt. Eigentlich sehen die gesamte Felskette und das Fort hoch oben wie Teile eines schlampig gefertigten Eisenbahnmodells aus. Diese Gedanken erheitern John, entspannen ihn geradezu.
"Aber nur nicht den Kopf in Spielereien abdriften lassen, noch musst du wachsam bleiben.“ John merkt, wie seine Augenlider schwer werden, wie Mundhöhle und Kehle, vollkommen trocken, die Zunge voluminös erscheinen lassen.

Mitten in der Nach wacht er auf und blickt erschrocken um sich. Es braucht eine Weile, bis er versteht, wo er sich befindet. Also hat es ihn doch noch in einen der Bunker verschlagen! Durch das rechteckige, glaslose Fenster ist der Sternenhimmel zu sehen.
Der Schlaf hat ihn einigermaßen gestärkt, aber gegen den Durst muss er sofort etwas unternehmen. Vorsichtig bahnt John sich den Weg über alte Flaschen und als er aus dem Bunker tritt, sondiert er das Gelände unter der Beleuchtung des Halbmonds. Die dunkle Wasseroberfläche, wenige Meter neben ihm, ist glatt. Anders als zuvor schmiegt sich das Meer nun geradezu zärtlich an seine steinerne Begrenzung, in den Hohlräumen entsteht manchmal ein sanftes Glucksen.
Jetzt ist John in die Nähe der Stelle des Aufzugschachts gelangt, als er auf der Betonfläche unter der Überdachung zwei dunkle Gestalten wahrnimmt. Sofort hält er inne und lauscht in die Stille. Er glaubt, ihr Schnarchen zu hören. Während er sich näher heranpirscht, bestätigt sich der Eindruck – zwei besoffene Burschen. Ringsum liegen zerdrückte Dosen am Boden. Halt! Eine steht noch aufrecht. John bückt sich, sie ist beinahe voll. „Cisk“, prüfend riecht er an dem Bier, in der Hoffnung, dass keine Zigaretten darin ausgedämpft wurden, dann legt er die Flasche an die Lippen und trinkt sie leer. Herumliegende Zigarettenschachteln und langes Papier, um Joints zu drehen, steckt er in seine Hosentaschen, die Dinge könnten bei einem Tauschgeschäft von Vorteil sein. Nach Geld will er die beiden nicht abtasten. Sie sollen keinesfalls aufwachen. Obwohl, diese schmächtigen Typen könnten ihm sicherlich nichts anhaben.
Als er zur Baustelle gelangt, dahinter die Straße, die vom Ford Ricasoli kommend die Bucht von Kalkara umrundet, fasst John den Entschluss, so schnell wie möglich neues Gewand aufzutreiben. Sein eines Hosenbein ist zerfetzt und der Pulli voller Ölflecken. Verdammt, lag da nicht etwas Stoffartiges am Boden neben den Burschen? Also verfolgt John den Weg wieder zurück.
Die beiden schlafen weiterhin und er greift nach dem Ding am Boden. Glück gehabt – ein Kapuzenpulli in gutem Zustand. Die Größe passt.

An der Schwelle zum Wohngebiet zögert John ein wenig, schon bei den ersten Häusern begegnen ihm Menschen. Ein harmloses Pärchen, umschlungen, miteinander beschäftigt. Später erscheint ein betrunkener Alter, der beim Anblick des dunklen Gesichts zunächst erschrickt, um sich gleich darauf an die Straßenlaterne zu lehnen und dem Afrikaner nachzuglotzen.
Neben dem Verkaufstisch eines Büffets sind die Mistkübel im Freien geblieben. Eine junge Katze balanciert über einen Alurand und zerrt an einem Papiersack. John verscheucht sie. Unter der Straßenlaterne beäugt er den Inhalt. Ein halb aufgegessenes Pastizzi, mit Spinat und Thunfisch gefüllt, der Geruch ist unbedenklich. John beißt hinein, es schmeckt richtig gut! Sofort wühlt er weiter und stößt noch auf einige Pizzareste und eine Sprite-Flasche. Zum Essen verzieht er sich in die Dunkelheit eines Spielplatzes direkt am Wasser.

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