Login

Die Frau Doktor und ihr Hund

Wilhelm Kuehs

Magazintext | erschienen in Wienzeile 36

1
Sie erinnerte sich jetzt daran, jetzt, wo alles vorbei war. Sie lag am Strand, neben ihrem Mann, und ihre Tochter war draußen im Meer. Das war alles so schnell gegangen letzte Woche bei der Abschiedsparty vor dem Urlaub. Die Eingangshalle ihrer Villa war voller Leute, und im Garten saßen sie auf den Bänken und auf großen Tüchern, die sie über den Rasen gebreitet hatten. Ihr Mann stand am Griller und Thomas, sein Bruder, sorgte für die Getränke. So weit war alles gut, und die Gäste amüsierten sich.
„Hallo Ursula”, rief ihr Dr. Brambeck zu und hielt ihr ein Champagnerglas entgegen.
Sie ging auf ihn zu, und er nahm sie um die Mitte, als sie ihn erreicht hatte.
„Na, wie geht es der Herrin des Hauses?” wollte er wissen. Aber Ursula setzte nur ein säuerliches Lächeln auf und befreite sich aus seiner Umarmung.
„Ihr Mann macht große Fortschritte”, setzte Brambeck nach, „Wenn er so weitermacht, dann sind sie bald Frau Primar Stocker.”
„Wissen sie, ich lege keinen Wert auf Titel, die man am Standesamt erwirbt. Ich habe mir meine redlich bei der Sponsion abgeholt”, mit dieser Bemerkung wandte sie sich zum Gehen, aber Dr. Brambeck griff nach ihrem Arm: „Sie sollten etwas freundlicher zu ihren Gästen sein”, meinte er, „manche von ihnen sind sehr einflussreich.”
„Sie sind im falschen Film”, schnauzte sie ihn an und riss sich von ihm los.
Wieso ihr Mann diesen völlig bedeutungslosen Idioten überhaupt eingeladen hatte, fragte sie sich. Es war ohnehin schon schlimm genug, ständig bei seinen Vorgesetzten und seinen Parteifreunden herumschleimen zu müssen. Der Bürgermeister hatte sich entschuldigen lassen. Er hatte eine Stadtratssitzung und musste dann noch in der Nacht nach Wien. Aber sonst wäre er sicher gekommen. – Im doppelten Sinn. So ersparte sich Ursula einige Peinlichkeiten. Er zwicke sie bei jeder Gelegenheit in den Hintern, und das tat wirklich weh. Außerdem hatte er schon ein paar Mal versucht, als er ihr beim Essen gegenübersaß, seinen Fuß zwischen ihre Schenkel zu schieben. Darauf konnte sie ganz gut verzichten.
Ursula flüchtete sich an die Getränkebar, wo sie das halbvolle Champagnerglas los wurde und hinter einem Vorhang aus einer Literflasche Mineralwasser trank. Als sie sich umdrehte, sah sie unten am Rand des Swimmingpools ihren Hund liegen. King war ein riesiger Doggenrüde, den Ursula schon als Hundebaby zu sich genommen hatte, und manchmal wusste sie nicht so recht, ob er nicht ebenso ihr Kind war wie ihre Tochter Barbara. Vielleicht jetzt noch mehr als früher. Denn Barbara war jetzt achtzehn und ging ihre eigenen Wege. So nach dem Motto: Wenn ich nicht frage, kann es mir auch keiner verbieten.
Der Hund hatte Ursula bemerkt und sah sie jetzt an ohne sich von der Stelle zu rühren. Die Zunge hing ihm seitlich aus dem Maul, und trotz der abendlichen Kühle hechelte er. Fest entschlossen ihre gastgeberischen Pflichten zu vernachlässigen, stolperte sie in ihren Stöckelschuhen den kleinen Abhang zu Pool hinunter. Hinten waren die Gespräche wie das unablässige Summen eines Hornissenschwarms, und vor ihr lag die Stille. Sie setzte sich neben den Hund auf die Betonfliesen und ließ eine Hand ins Wasser gleiten. King legte ihr seinen Kopf aufs Knie und sabberte das Kleid an. Ursula tätschelte ihm den Nacken und streichelte ihn. Das Fell war über dem Rücken gestromt und es fühlte sich herrlich sauber und glatt an. Grunzend gab King zu verstehen, dass ihn diese Behandlung außerordentlich behagte, und Ursula kraulte ihn auch zwischen den Ohren, weil sie wusste, wie sehr er das mochte. Aber sie dachte an ihre Tochter. Oben auf der Veranda lärmten die Gäste, und Ursula konnte das schrille Lachen einer Frau bis hierher hören und hinter ihr das Zirpen der Grillen. Das würde es wohl sein, was Barbara bei ihrer Parkparty jetzt auch hörte, die Musik der Insekten. Nur dürfte Barbara nicht unbedingt den Kopf eines Hundes auf ihren Knien halten, sondern hinter einer Hecke oder sonstwo mit einem Jungen knutschen. Ursula dachte, meine Tochter hat verdammt noch einmal recht, dass sie diesem geschleckten, arschkriecherischen Getue da oben ausweicht und sich mit ein paar Freunden auf ehrliche Weise betrinkt und dann noch einmal ordentlich Spaß hat. Denn in den nächsten drei Wochen, auf Urlaub in Italien, unter dem Regime ihres Vaters, konnte sie sich eine Urlaubsromanze samt ihrer achtzehn Jahre aus dem Kopf schlagen. Nichts da. Am Tag mit uns am Strand, dann Abendessen und danach ein gemeinsamer Spaziergang an der Strandpromenade. Ihr Vater würde sich in diesen drei Wochen keine Gelegenheit entgehen lassen, Vater und Familienoberhaupt zu spielen, darüber machte sich Barbara keine Illusionen, und Ursula wusste das. Sie fühlte sich alleine gelassen. Es war klar, dass sich ihre Tochter nicht ewig an ihre Rockschöße klammern würde. Aber dieser Ablösungsprozess hatte einen Nebeneffekt. Langsam erkannte Ursula, dass sie die strenge Mutter, die ihre Tochter zu einem nützlichen Mitglied dieser Gesellschaft erziehen wollte eigentlich nur mehr spielte. In Wirklichkeit stand sie schon lange auf der Seite ihrer Tochter und fand diese Gesellschaft zum Kotzen. Aber sie war auch alt genug, dass sie wusste, dass man sich mit diesem System nicht anlegen konnte, ohne den Kürzeren zu ziehen.
„Ursula, Liebes, willst du dich nicht um deine Gäste kümmern?” sie hatte ihren Mann gar nicht kommen hören, und jetzt stand er da und sah auf sie herab.
„Was sagst du Hermann?” Sie hatte nicht richtig hingehört.
Er beugte sich zu ihr und gab ihr einen Kuss auf die Wange: „Ich meinte nur, du solltest dich vielleicht um deine Gäste kümmern.”
„Ach ja, ich komme dann gleich”, sagte sie und stand auf.
Der Hund folgte ihr noch ein paar Schritte, blieb dann aber zurück und sah ihr nach, wie sie zur Veranda hochstieg.
Die Tabletts mit den Lachsbrötchen und dem Parmaschinken hatte sich schon ziemlich geleert, und das Mädchen, das Ursula für diesen Abend eingestellt hatte, war damit beschäftigt, die Brötchen umzuschlichten, so dass sie einige Platten schon in die Küche tragen konnte. Ursula half ihr dabei, aber es half ihr nichts. Die Frau Primar Stelzel kam auf ihren hochhakigen Schuhen angestackst und versuchte, sie in ein Gespräch zu verwickeln.
„Na meine Liebe, das ist ja ein ganz wunderbares Fest heute,” begann Frau Primar Stelzel, die allerdings wirklich am Standesamt promoviert hatte.
„Oh, ich hoffe, sie amüsieren sich”, sagte Ursula und warf einen abschätzigen Blick in das faltige Décolleté von Frau Primar Stelzel, dessen Faltigkeit durch die Solariumbräune noch verstärkt wurde.
„Ich hoffe, sie und ihr Mann werden sich im Urlaub gut erholen, Ich meine, mein Mann sagt immer, der Herr Oberarzt Stoker bemüht sich so außerordentlich um seine Patienten, ja er verausgabt sich richtig.”
Ursula schwieg.
„Und sie meine Liebe, sie sehen ja auch ganz abgespannt aus. Ich meine, sie arbeiten sicherlich auch zu viel. Mein Mann hat mir erzählt, dass sie am Gymnasium unterrichten. Das ist doch sicherlich sehr anstrengend. Was unterrichten sie denn?” Frau Stelzel schnappte sich ein Lachsbrötchen vom Tablett.
„Ich unterrichte Physik und Biologie in der Oberstufe”, antwortete Ursula.
„Das ist ja sehr ungewöhnlich. Eine so hübsche Person wie sie, und unterrichtet solche trockenen Fächer.”
„Nun,” Ursula legte eine Kunstpause ein, „es kommt wohl ganz auf das Geschick des Lehrers an, wie trocken die Keplerschen Gesetze oder die Vererbungslehre ist. Bei mir jedenfalls ist noch kein Schüler an einer Staublunge verstorben.”
Frau Stelzel kam zu keiner Replik mehr. Hermann Stocker hatte den letzten Teil der Unterhaltung mitgehört, trat an seine Frau heran und nahm sie zur Seite.
„Könntest du das bitte lassen. – Wir haben beschlossen, alle hinauf in den Salon zu gehen. Es sind nur mehr ein paar Leute da, und hier herunten verläuft sich das doch alles. Brambeck und ich dachten, wir könnten oben ein paar Gesellschaftsspiele machen.”
„Na dann wollen wir einmal,” sagte Ursula zu Frau Primar Stelzel und hakte sich jovial bei ihr unter.
Sie stiegen gemeinsam die Treppe hinauf und betraten den großen Raum mit dem offenen Kamin und dem Klavier. Brambeck stand an den Flügel gelehnt und hatte ein Glas mit Wodka in der Hand. Primarius Stelzel hatte es sich im Lehnsessel vor dem Kamin bequem gemacht und unterhielt sich mit zwei seiner Oberärzte. Ursula sah sie an, und wusste, dass sie gar nicht wissen wollte, worum es in diesem Gespräch ging.
„So jetzt wären wir ja alle beieinander”, rief Hermann Stoker und die Gespräche verstummten, „Na was ist, wollen wir etwas spielen?”
„Wie wär´s mit, `Wer zieht die nächste line`?” schrie Brambeck.
„Gut einverstanden”, meinte Stoker und ging zur Bar, „wir spielen `Wer zieht die nächste line`.”
Er holte eine Silberdose aus der Bar und brachte sie hinüber zu Brambeck. Dort öffnete er sie und entnahm mit einem Spatel etwas Kokain und legte eine line auf den Decke des Flügels. Das Silberröhrchen legte er daneben.
„Die Spielregeln sind bekannt”, Hermann drehte sich um, „wer die Frage falsch beantwortet, muß eine line ziehen. Das Ganze geht so lange, bis jemand fünf lines hat. – Seid ihr bereit. Brambeck du stellst die erste Frage. Es geht reihum.”
„Gut, Frau Primar Stelzel”, begann Brambeck, „sie haben zehn Sekunden Zeit. Was bedeutet die Abkürzung DNS?”
„Stelzel überlegte, sah ihren Mann hilfesuchend an und antwortete: „Desoxyrobonnukleinsäure.”
„Richtig”, triumphierte Brambeck.
„Nun zu ihnen Frau Magister Stoker”, er betonte das `Magister` ganz besonders, „Ihnen kann ich keine so einfache Frage stellen, sie sind ja quasi vom Fach. Also. Welche Auswirkung hat die Einnahme von Kokain auf das lymphale System?”
Ursula überlegte lange.
„Na, wissen sie es nicht?” setzte Brambeck nach.
„Ich habe nicht den blassesten Schimmer”, gab Ursula zu.
„Na, dann darf ich sie bitten, es im Selbstexperiment herauszufinden”, er zeigte mit einer Handbewegung einladend auf die bereitstehende line.
So ging das eine Weile weiter, und jeder musste den anderen Fragen stellen. Brambeck verlor das Spiel, aber es schien ihm nicht viel auszumachen. Er war Kokain gewöhnt.
Ein paar Stunden später war die ganze Gesellschaft schon ziemlich hinüber. Ursula saß am Klavierhocker und streichelte die Dogge, die wie eine Statue neben ihr saß, als ihr Mann sagte: „Wollten wir noch ein Spielchen wagen?”
Sie lehnte sich an ihn: „Was meinst du?”
„Wir könnten zum Beispiel des besten Strip des Abend küren.”
„Findest du das eine gute Idee?”
„Warum nicht.” Und ohne sich auf eine weitere Diskussion mit seiner Frau einzulassen, stand Dr. Stoker auf und rief: „He, alle mal herhören. Was haltet ihr von einem kleinen Striptease Wettbewerb? Der Gewinner bekommt eine Flasche Champagner.”
Die Leute klatschten, und Brambeck schrie: „Aber wenn, dann alle, Männer und Frauen.”
Es wurde vereinbart, dass die Jury alle waren, die gerade nicht strippten und es wurden Punkte von eins bis zehn vergeben. Das Los entschied, dass Frau Primar Stelzel den Anfang machen musste. Sie zierte sich. Sie wollte nicht die erste sein. Ihr Mann zog sie zu sich auf den Stuhl, nahm sie um die Mitte und küsste sie, dabei fuhr er ihr mit der Hand unter die Bluse. Er nahm den Rand ihre BH zwischen die Finger und strich an der Unterseite ihrer Brust entlang. Diese ungewohnt Berührung erregte sie. Der Zungenkuss schien sie endgültig zu überzeugen. Als ob sie durch eine zähe Masse an ihren Mann angeklebt wäre, erhob sie sich und löste sich von ihm. Sie verließ den Salon, ging den Gang entlang und betrat das Badezimmer. Dort sah sie sich um. Als sie an die Berührungen ihres Mannes dachte und an das, was jetzt folgen würde, keuchte sie und faßte sich zwischen die Beine. Neben der Toilette fand sie, was sie gesucht hatte.
Die Frau des Primar wickelte sich in Klopapier. Etwas schwerfällig, wie eine wieder zum Leben erwachte Mumie aus einem Horrorfilm der 50er Jahre wankte Frau Stelzel zurück in den Salon. Aus den Lautsprechern der Stereoanlage tönten die Rolling Stones mit It´s only Rock´n Roll but I like it. An den Ellbogen und an den Knien begann das Klopapier bald aufzubrechen. Stelzel stampfte wie wild durch die Gegend und zupfte sich das Klopapier in kleinen Fetzen vom Körper.
Ursula fand ihre Brüste ziemlich hässlich. Sie sahen aus, als hätte sie jemand flachgedrückt, und der Rest des Fettgewebes hatte sich im unteren Drittel zu einer Beule gesammelt. Allerdings musste Ursula zugeben, die Frau Primar für ihre beinahe fünfzig Jahre sonst beneidenswert gut aussah. Ihre Rippen zeichneten sich deutlich ab und bis auf ein paar Alterfalten war ihr Bauch glatt und wölbte sich sanft zu ihrem Geschlecht. Die Beine waren sehnig und dünn, und Ursula konnte sich vorstellen, dass es immer noch ein Vergnügen sein musste, den Ansatz ihrer Schenkel zu berühren.
Brambeck war als nächster dran. Von diesem Auftritt erwartet sich niemand etwas besonderes, und diese Erwartungen wurden auch erfüllt. Er versuchte einige Tanzschritte, sein Hemd hing ihm aus der Hose, und er hatte die oberen drei Knöpfe geöffnet. Ursula konnte Brambeck ohnehin nicht ausstehen, aber was sie da im Laufe dieses Striptease zu sehen bekam, widerte sie an. Brambeck wackelte mit seinem großen, beharrten Bauch und sein halbsteifer Schwanz schlenkerte dabei hin und her. Er war beschnitten und seine Eichel hatte eine dunkelpurpurne Färbung. Ursula fand das abstoßend. So einen Schwanz würde sie nie in den Mund nehmen, nicht einmal anfassen würde sie ihn. Sie mochte es, wenn sie die Vorhaut ihre Mannes langsam bewegen konnte, und wenn sich dann ein zarter Film auf der rosa Eichel bildete. Das mochte sie, und dann kam dieser köstliche Augenblick, in dem sie diese salzige Flüssigkeit mit ihrer Zunge berührte.
Nachdem Brambeck fertig war, stand Ursula auf. „Es wird ein wenig dauern”, sagte sie, „ich habe ein kleine Überraschung für euch.” Sie drehte sich bei der Tür noch einmal um und lächelte ihrem Mann zu.
In einem langen Abendkleid betrat Ursula den Raum. Der CD-Player spielte Mozart. Sie stellte sich neben das Klavier, begann zu tanzen, hatte die Augen geschlossen. Ihre Hände zeichneten sanfte Linien in den Raum. Mozart, dachte sie, das Requiem, wie geschmacklos für diesen Auftritt. Ursula öffnete die Verschlüsse ihres Kleides. Dabei hörte sie nicht auf, sich im Takt der Musik zu bewegen. Während sie das lose Kleid mit dem Unteram noch gegen ihre Brust hielt, machte sie eine Drehung, ließ es dann fallen und hob beide Arme über den Kopf. Unter dem Kleid trug sie einen Schlauch aus Gaze. Ihre Brüste waren eng an den Körper gedrückt. Ursula nahm das Stilett vom Sims des offenen Kamins, prüfte die Schärfe, indem sie mit der Zunge über die Klinge fuhr. Dann schnitt sie gemächlich den Schlauch in Streifen. Dabei wurden zuerst nur kleine Teile ihrer Haut sichtbar, wenn der Stoff aufplatzte und mit einem kleinen Geräusch riss. Dann hing das Gaze in Fetzen, und sie streifte es ab.
Als sie sich nackt auf das Klavier legte, herrschte Stille, und in diese Stille hinein kam der Applaus. Sie hatte gewonnen. Ihr Mann öffnete die Champagnerflasche, schüttelte sie und bespritzte Ursula, die den Mund öffnete und trank. Der Hund war aufgesprungen und bellte. Es ging etwas vor, was er nicht verstand und Ursula hatte damit zu tun.
„Scheißköter, halt die Klappe”, fuhr Brambeck die Dogge an. „Was ist eigentlich los mit diesem Scheißvieh?”
Ursula war vom Klavier geglitten und stand jetzt triefnass da, als sie sah, wie Brambeck nach dem bellenden Hund greifen wollte.
„Sind sie wahnsinnig Brambeck, lassen sie King in Frieden, wenn sie ihre Hände noch länger in die Gedärme ihrer Patienten stecken wollen”, fuhr sie ihn an.
„Ist ja schon gut”, versuchte Brambeck zu beschwichtigen hob beide Hände, wie jemand, der mit einer Waffe bedroht wurde und trat einen Schritt zurück.
Als Ursula niederkniete, kam King auf sie zu und ließ sich von ihr über den Kopf streichen. Sie sprach beruhigend auf die Dogge ein.
Eine Weile sah ihr Brambeck zu, dann sagte er: „Machen sie weiter, das ist sehr erotisch.”
„Wie meinst du das?” wollte Hermann Stoker wissen.
„Na, siehst du das denn nicht?”
Die Dogge lehnte sich an Ursula und fuhr ihr mit der Zunge übers Gesicht. Lachend versuchte die sich zu wehren, aber das hatte wenig Sinn. Der Hund drängte sich näher an Ursula, und je mehr sie sich wehrte, desto aufdringlicher wurde King.
„Lassen sie ihn”, meinte Brambeck, „lassen sie ihn nur.”
„Brambeck, sie sind völlig verrückt”, gab sie lachend zurück.
Aber der Hund ließ sich ohnehin nicht bändigen, und er schleckte ihr übers Ohr und über den Hals. Sie neigte den Kopf, um ihn daran zu hindern, aber sie stand auch nicht auf. King gab ihr eine seltsame Sicherheit, und wenn sie von ihm weggehen würde, würde das alles wieder zerfallen, und so fühlte sie sich wohl. Die anderen waren ihr egal. Es war wieder dieses Gefühl. Sie war alleine. Sie wollte nicht daran glauben, aber sie spürte es ganz deutlich. Hätte sie versucht, dieses Gefühl ihrem Mann zu beschreiben, dieses wohlige Gefühl der Einsamkeit, sie hätte es nicht vermocht. Allein und verlassen unter tausend Menschen, dachte sie, genauso fühle ich mich, und es macht mich traurig. Aber ich genieße diese Traurigkeit.
„Ursula”, sagte Hermann unsicher, der den abwesenden Blick seiner Frau bemerkt hatte.
„Ja”, sagte sie mit belegter Stimme.
„Bitte, leg dich hin.”
Später konnte sie nicht mehr sagen warum, aber sie gehorchte ihrem Mann, und sie streckte die Hände über den Kopf. Der Hund begann sie zu beschnüffeln, und immer wenn seine feuchte Schnauze ihre Haut berührte, zuckte sie zusammen. Aber die Berührung war so fein und so ungewohnt, dass sie sich nicht dagegen wehrte. Als die Dogge über ihre Brüste leckte, musste sie kichern.
Die Männer standen fasziniert um dieses Schauspiel, und der Primarius hatte seine Frau in den Arm genommen. Der Hund wühlte seine Schnauze in die behaarte Stelle zwischen Ursulas Beinen. Ursula öffnete ihre Beine weiter, um King besseren Zugang zu verschaffen. Dann setzte sie sich auf, nahm den Kopf des Hundes zwischen die Hände und küsste ihn auf die Lefzen, sie fuhr ihm mit der Hand über das Fell, streichelte ihn am Bauch und fasste sein Glied mit den Fingerspitzen. Das glatte Fell war angenehm weich und warm, und sie fühlte die Muskeln darunter. Jetzt drängte sie die Dogge zwischen ihrer Schenkel, und Ursula hob ihm das Becken entgegen, so dass ihre Scham sein Glied berührte. Sie drückte stärker auf den Rücken des Tieres, und die Dogge legte sich auf sie. King lag schwer und ruhig auf ihr. Sie griff nach seinem Glied und führte es sich ein. Sie begann sich unter dem Hund zu bewegen. Es fühlte sich seltsam an, dieses Hundeglied in ihrem Körper, so wie sich noch nie etwas angefühlt hatte, und es war unendlich aufregend.
Am nächsten Morgen kam sie früh in den Garten, sie hatte ihre Jeans angezogen und war mit einem übriggebliebenen Brötchen in der Hand auf die Terrasse getreten. Obwohl es erst gegen neun Uhr war, herrschte schon drückende Hitze, und Ursula dachte daran, vor der Abfahrt noch schnell einmal in den Pool zu springen, als sie ihrem Mann mit dem Hund unten am Swimmingpool sah. Von Hunden wird man hoffentlich nicht schwanger, dachte sie, und lächelte, vielleicht sollte ich meinen Mann danach fragen, immerhin ist er Arzt.
Dr. Stoker redete auf King ein, und der Hund setzte sich vor ihn hin und sah ihn an. Dann nahm Stoker den Revolver, den er bis jetzt hinter dem Rücken verborgen gehalten hatte und schoss dem Hund in den Kopf.

2
Ursula wachte auf und merkte, dass ihre Beine brannten wie Feuer. Als sie sich aufsetzte, sah sie, dass sie einen Sonnenbrand hatte. Sie musste wohl am Strand eingeschlafen sein. Ihr Mann war von ihrer Seite verschwunden. Nachdem sie die Geldbörse aus ihrem Rucksack gesucht hatte, stand sie auf und ging an die Strandpromenade, setzte sich in eines der Straßencafés. Der Ober war höflich, er versuchte zu flirten. Das war angenehm. Ursula trank ihren Campari-Soda und dachte über den Satz nach, den ihr Mann gesagt hatte, nachdem er den Hund erschossen und im Garten begraben hatte: Tollwütige Hunde muss man erschießen.
Sie dachte, dass er recht hatte. Sie hatte den Revolver in ihre Reisetasche gepackt, und jetzt lag die Waffe verborgen unter ihrer Wäsche im gemeinsamen Hotelzimmer.
Man hatte ihr immer erzählt, dass Sodomie etwas ekelerregendes sei, aber sie schaffte es einfach nicht, Ekel oder Abscheu vor dem zu empfinden, was sie mit dem Hund getan hatte. Es war vielleicht eine Verpflichtung sich dafür zu hassen, aber sie brachte es nicht fertig. Und außerdem konnte man nach so etwas nicht einfach so weiter machen, als ob nichts geschehen wäre. Aber da war wieder dieses Gefühl der Einsamkeit. Es war eine wohlige Wärme in ihrem Bauch. Sie brauchen dich nicht, dachte Ursula, und sie verstehen dich nicht, und du brauchst sie auch nicht.
Ihre Tochter war irgendwo da draußen und alberte mit den Italienern herum. Ursula hatte nicht vor, ihr irgendetwas zu sagen, aber sie wäre jetzt gerne ihre Tochter gewesen. Ihre Tochter wusste genau, wer sie war, und sie brauchte dazu weder das Bankkonto ihres Vaters noch die guten Ratschläge ihrer Mutter. Das hatte sie oft genug bewiesen. Ursula wusste nichts mehr. Sie wusste nicht, wer sie war, und was sie wollte. Sie wusste nicht, wie es weitergehen sollte, und ob das überhaupt die Frage war. Gestern hatte sie mit ihrem Mann geschlafen, sie hatte dabei an den Augenblick denken müssen, als die Kugel den Kopf ihres Hundes zerriss. Der Revolver lag bereit. Aber Ursula wusste nicht mehr, wer hier der tollwütige Hund war.

Bücher | Rezensionen | Magazin | wienzeile Autor_innen